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Mythen der Fahrradtechnik

In der Fahrradtechnik gibt es wirklich viel Wissenswertes, wo viele viel wissen. Oft entsteht an solchen Stellen ein Wissen, das immer wieder von allen weitergegeben wird, obwohl es einfach nicht stimmt oder jedenfalls so einfach nicht ist. Hier also meine Meinung zum einen oder anderen Detail...

nach untenMit der vorderen Bremse zu bremsen ist gefährlich
nach untenDie Rücktrittbremse ist zu schwach, um mit modernen Bremsen mitzuhalten
nach untenBreite Reifen rollen leichter als schmale
nach untenBreite Reifen federn das Fahrrad besser
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"Mit der vorderen Bremse zu bremsen ist gefährlich. Da fliegt man zu leicht über'n Lenker."
Also, gefährlich ist es, nur mit der hinteren Bremse zu bremsen, weil der Bremsweg einfach viel länger ist. Bei normalen Fahrrädern ist ein Blockieren des Vorderrads nur mit enormer Handkraft zu erreichen, deshalb passiert das "über'n Lenker fliegen" eigentlich nur, wenn man in Kurven mit der vorderen Bremse bremst, was ein Ausbrechen aus dem Gleichgewicht bewirkt.
Auf gerader Strecke gilt, dass beim Bremsen mit der hinteren Bremse das Eigengewicht von Rad und RadlerIn wg. Trägheit der Masse das Hinterrad entlastet, wodurch bei scharfen Bremsungen das Rad blockiert und schleift (was auch nicht so leicht zu kontrollieren ist).
Beim Bremsen mit der vorderen Bremse wird durch den gleichen Effekt das Vorderrad stärker belastet, wodurch das Rad noch stärker am Boden haftet.
Dies sollte jedeR einmal ausprobieren: Bei einer Notbremsung aus 20 km/h nur mit der Vorderbremse kann man den reinen Bremsweg auf 2-3 m reduzieren, mit der hinteren Bremse ist weniger als 10 m kaum zu schaffen. Und dies einmal ausprobiert zu haben, ist eine gute Vorbereitung auf die nächste sich unachtsam öffnende Autotür (wobei es natürlich sicherer ist, ausreichend Abstand zu halten, aber dazu haben leider nicht alle RadlerInnen die Nerven).



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"Die Rücktrittbremse ist zu schwach, um mit modernen Bremsen mitzuhalten"
So ein Quatsch, hier muss ich dann doch mal aus meinem Fahrradschrauber-Nähkästchen plaudern: Genauso wie mindestens die Hälfte der RadlerInnen mit zu wenig Luft in den Reifen fährt, verhält es sich auch mit den Bremsen - eine entsprechende Nutzungsdauer vorausgesetzt, fährt die Hälfte der Räder mit miserablen Bremsen.
Natürlich ist an einem Neurad die V-Bremse überragend stärker als die Rücktrittbremse, aber wenn die Klötze erstmal etwas runtergefahren sind, wird sie richtig viel schlechter, und den kleinen Dreh an der Einstellschraube beherrschen nicht mal 10% meiner KundInnen.
Desweiteren gilt (siehe oben zum Thema Vordere Bremse): Durch die Gewichtsentlastung des Hinterrades braucht man hinten einfach keine so starke Bremse, zudem ist es vielen Leuten, insbesondere Kindern und Frauen, oft zu lästig, so kräftig mit den Fingern am Hebel zu ziehen, während die Beinkraft doch problemloser zu nutzen scheint.
Noch was? - OK, also die Rücktrittbremsen entwickeln sich auch, bei den Shimano-Naben sind sie schon länger kräftiger geworden, bei SRAM ab Modelljahr 2006 auch.
Und noch Eins: Es ist auch ein Kostenfaktor - Ein Vielfahrer muss für Bremsklotz- und Felgenverschleiß bestimmt € 100 im Jahr rechnen, bei überwiegender Rücktrittbremsen-Nutzung kann das auf € 10 reduziert werden.
Und ein Letztes: Bei Rahmen ohne Stange (sog. Damen-Rahmen) ist es immer noch ein konstruktives Problem, dass das Bremsseil an seiner tiefsten Stelle in einer Hülle verläuft, wo es durch eindringendes Wasser einrosten und einfrieren kann. Hier ist die Rücktrittbremse einfach gut (OK, es gibt auch andere gute Lösungen, hydraulische Bremsen oder Mixte-Rahmen, aber die haben auch ihre Schattenseiten).


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"Breite Reifen rollen leichter als schmale"
In der letzten Zeit häufig gebrachtes Argument, besonders gern breitgetreten vom Breitreifen-Hersteller Schwalbe, der seinen "Big Apple" hypen möchte: Bei gleicher Bauart und gleichem Luftdruck ist der Rollwiderstand eines breiteren Fahrradreifens geringer. Was die Physik betrifft, stimmt das natürlich.
Aber einerseits gibt es diese Reifen gleicher Bauart nicht, die 60 mm breiten Schlappen dürfen bis 4 Bar aufgepumpt werden, schon die gemäßigten 37 mm breiten in der Regel bis 6 Bar, und die Rennfahrer fahren oft mit 8 Bar. Und höherer Reifendruck heißt: geringerer Rollwiderstand.
Und andererseits ist der Rollwiderstand nicht alles, was zum leichtfüßigen, schnellen Fahren verhilft (Keine Sorge, ich fange jetzt nicht vom Luftwiderstand an, der spielt beim Alltagsfahrrad wirklich eine untergeordnete Rolle). Nein, das Gewicht ist der Faktor, denn selbiges will vorwärts bewegt werden und im Falle der Reifen auch noch in Drehung versetzt werden (weswegen man so sagt, dass das Gewicht in den Laufrädern doppelt zählt). Und so ein Big Apple in 60-622 steht mit 995 g in der Liste, was mehr als das Doppelte eines 40-622-Faltreifens ist und gar etwa das fünffache eines leichten Rennreifens.



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"Breite Reifen federn das Rad, so dass auf eine Rahmenfederung verzichtet werden kann"
Es stimmt wohl, bei ordentlich reduziertem Luftdruck sind die Federungseigenschaften eines Fahrradreifens kaum zu überbieten, aber dafür muss man bei breiten Reifen so weit reduzieren, dass der Rollwiderstand wiederum spürbar ansteigt.
In Zahlen: Ein 60 mm breiter Reifen fährt so richtig toll gefedert bei 2 Bar Luftdruck, aber wer mit solchem Reifendruck freiwillig längere Strecken fährt, möchte sich martern. Ich persönlich bevorzuge recht schmale Reifen, bei denen mit moderat reduziertem Druck (z.B. 5 Bar statt der empfohlenen 6,5 Bar bei einem 35 mm breiten Reifen) der Federungskomfort wirklich angenehm ist und der Rollwiderstand nicht spürbar höher.



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© und letzte änderungen 17.03.2015 norbert winkelmann: Zur Spamvermeidung habe ich hier keinen Link gesetzt. Bitte die Adresse manuell eingeben